Christentum und Religion

Das Christentum ist die Religion, die von Jesus von Nazareth gegründet wurde. „Christus“ ist die griechische Übersetzung des jüdischen Wortes „Messias“ und bedeutet „geölt“. Die ersten Gläubigen Jesu wurden von den Heiden Antakyas „Christen“ genannt, und dieser Name ist ihnen geblieben. Die Religion Jesu stellte sich als eine Entwicklung der jüdischen Religion dar. Jesus bezeichnete sich als Messias, den die Juden erwarteten und der von Gott gesandt war, nicht um das Gesetz Moses und der Propheten außer Kraft zu setzen, sondern um es zu vervollständigen. Die Neuigkeit in Jesu Botschaft (Evangelium bedeutet im Griechischen gute Neuigkeit) verdrängte jedoch die moralischen und religiösen Prinzipien vieler vorherigen Lehren, so dass sie dem Verlauf der Zivilisation eine neue Richtung einprägte, die auch heute noch christlich genannt werden kann.


Wer ist Christ?

Christ ist derjenige, der den Lehre des Hl. Paulus entsprechend denkt, dass alles neu im Lichte Jesu interpretiert werden muss. Von diesem Gesichtspunkt gesehen war die jüdische Religion eine langsame und progressive Vorbereitung auf die Niederkunft Jesu, die vom Glauben Abrahams und dem Gesetz Moses angekündigt worden war, und dem die Propheten vorher schon den zweiseitigen Gesichtspunkt, den gedemütigten und den glorreichen, umrissen hatten. Die christliche Religion führt das Werk Jesu bis zum Ende der Jahrhunderte weiter und setzt seine Botschaft den Umständen entsprechend in Kraft. Das Christentum lehnt sich an Jesus an, indem es sein irdisches Leben für das größte Ereignis der Geschichte hält und gleicht sich seiner Lehre an, die, während sie die Niederkunft des Reiches Gottes ankündigte, die Rückkehr der Herzen zur Nächstenliebe predigte, die mit der Liebe zu Gott gleichgestellt war.


Jesus gründet die Religion

Einzigartigartig unter den Religionsgründern, war Jesus eine Mischung aus menschlichem Lebewesen, das der Geschichte unterliegt und göttlichem und transzendentalem Wesen, das als einziger Sohn Gottes behaupten kann, dessen Macht souverän ausüben zu können. Nach dem Kreuzesopfer, das er erlitt, um die Menschheit von seinen Schulden zu erlösen, hat seine Botschaft durch das Werk der Apostel, aber hauptsächlich des Hl. Paulus, di Grenzen der jüdischen Welt überschritten und wurde universell. Die Kraft der neuen Religion bestand in der Tatsache, dass sie ihre Idee nach dem ständigen Greifen nach Besserem vorschlug, mit dem Bewusstsein der Unzulänglichkeit der jeweils erreichten Ergebnisse: Das Christentum löste das griechische und römische Ideal des Weisen, jenes Mannes, der ewig nach der unerreichbaren Perfektion auf dieser Welt strebte. Die Tugend schlechthin ist die Nächstenliebe, die ein Akt der Liebe gegenüber dem Schöpfer selbst ist, der nicht in dieser Welt den Guten die Belohnungen und den Bösartigen die Bestrafungen zukommen lassen wird. Und die Nächstenliebe muss jedem Menschen zuteil werden, ohne zwischen Abstammung und sozialer Herkunft zu unterscheiden. Von hier aus entstanden vollkommen neue Ideen, wie die Verurteilung des Sklaventums und die Ablehnung des fleischlichen Vergnügens, um in allem, auch in der Liebe, geistige Werte zu suchen.


Das Judentum

Trotz der Feindseiligkeit des Judentums Jerusalems und des Heidentums im kaiserlichen Rom breitete sich das Christentum schnell aus. Die Ursache seines Erfolgs lag, mit der Unruhe des Gewissens, in der Erhabenheit der Glaubenslehre, die den ununterdrückbaren Ängsten der Menschen Antworten gab, ihm den Sinn des Lebens und des Todes, den Guten das Glück und den Bösen die Bestrafung, das Geheimnis des göttlichen Lebens und die unendliche Liebe Gottes zum Menschen enthüllte. Im Unterschied zu den anderen Religionen bot das Christentum mit der Gnade Jesu dem sündigen Menschen die Mittel, die auferlegten Sühnen des Gerechten und der Liebe zu erfüllen. Das Christentum zerstörte außerdem die antike soziale Ordnung und riss die Grenzen zwischen den Rassen, Klassen und Völkern nieder.


Der Arbeiter Jesus

Aus der Idee der Gleichheit der Menschen vor dem Vater im Himmel bildeten sich langsam radikale Veränderungen. Die bis dahin Verachteten, manchmal Unterdrückten, wurden Gegenstand der Vorliebe des Christentums. Die antike Gesellschaft hatte die Handarbeit bis dahin verachtet. Das Christentum wertete diese durch das Beispiel des Handwerkers Jesus, welcher der Hauptinitiator der Erlösung der Arbeitswelt war, auf. Die antike Gesellschaft betrachtete die Bildung als Privileg, das den freien Menschen reserviert war. Das Christentum, dessen Überzeugung es ist, dass jeder Mensch gebildet sein kann, entwickelte die Bildungs- und Ausbildungswerke für die Elite und das Volk. Es hatte dank privater Ressourcen, über die es verfügen konnte, lange Zeit die Aufgabe der Nächstenliebe und der öffentlichen Bildung, deren sich dann nach und nach der Staat angenommen hat.


Die Universitäten des Mittelalters

Es war das Christentum, das die Universitäten des Mittelalters, Ursprung der höheren Lehre und der wissenschaftlichen Forschung, gründete. Gleichzeitig wandelte das Christentum die politische Gesellschaft der eigenen Auffassung über Macht entsprechend um. „ Ich bin nicht gekommen“ hatte Jesus gesagt, „um bedient zu werden, sondern um zu dienen“. Seitdem erscheint die Autorität als Dienst gegenüber der Gemeinschaft und die politische Macht als Amt der Gerechtigkeit, das der Beurteilung unterliegt. Der Staat wurde nicht mehr als einzige Rechtsquelle aufgefasst. Über den zivilen Gesetzen stellte das Christentum das göttliche Recht, das höchste Paradigma der Gesetze. Über den Staaten stand das „Recht der Menschen“, das Jahrhunderte lang den Frieden, ja sogar den Krieg, menschlicher werden ließ. Es betrachtete die internationale Gemeinschaft als eine große Familie, in der die glücklicheren Nationen den weniger begünstigten Nationen behilflich sein müssen und diesen beim Erreichen der vollen Entwicklung helfen müssen.


Das Werk des Hl. Augustinus

Die soziale Aktivität des Christentums wurde von einer intellektuellen und kulturellen Aktivität begleitet. Die Geheimnisse der Lehre Christi überstieg den menschlichen Verstand, ohne diesem jedoch zu widersprechen. Der Verstand arbeitet diese heraus und durchdringt sie. Durch die Verbreitung der jüdischen Vorstellung eines Gottes, eines Schöpfers, lehrte das Christentum, dass die Welt geregelt, verständlich ist: Im Gegensatz zu den Antiken, für welche die Natur von den Göttern belebt und die Menschen in sich selbst eingeschlossen waren, dachten die Christen, dass die Natur endlich von der Intelligenz durchdringbar sei, während der Mensch zum Unendlichen tendiert und der Tempel Gottes ist. Das ändert die Prospektiven der physikalischen Wissenschaften und der menschlichen Wissenschaften. Die Ersten werden möglich, denn jede Magie wird beseitigt; die Letzteren werden als dem Menschen eigen verstanden, in dem die Wahrheit wohnt. Die Moral ist nicht mehr nur die Lebenskunst, sondern die Wissenschaft des Unendlichen, die Kunst mit ihm zu harmonisieren, wenn nötig auch durch Opfer. Obwohl das Christentum nicht der Überbringer einer neuen Philosophie war, machte es gewisse Aussagen, die dem philosophischen Gedanken als Führung dienten, wie z.B. die Aussage der Wahrheit Gottes und, der Freiheit entsprechend, über die Unterscheidung der Seele zum Körper.
Es war das Christentum, welches sich vor allem das Werk des Hl. Augustinus zu nutze machte, um das Wissen um die innere Welt, auf einen Dialog zwischen zwei einzigartigen und höchsten Wesen reduziert, dem Ich und dessen Schöpfer, zu erweitern. Die Weisheit besteht eben darin, sich zu verhalten, als gäbe es nur Gott und das Ich, dank der Vermittlung Christi, Priester und Retter. Durch diese Enthüllung des Innenlebens, der Zeitlichkeit und der Geschichtlichkeit handelte das Christentum im Tiefen der Kenntnis und erneuerte die Gefühle, während sie nach neuen verlangte (wie die Hoffnung, die Treue, der Eifer, die Reue, die Liebe und die großzügige Demut) und so allen Ausdrucksformen, besonders den Künsten, neue Dimensionen gab.


Initiation zum göttlichen Leben

Poesie, Theater und Roman haben sich den menschlichen Geist als Gegenstand genommen. Die Architektur erwarb neue religiöse und soziale Formen. Die Malkunst strebte danach, die Innerlichkeit der äußeren Wahrheit zu zeigen und gab sogar der Landschaft einen spirituellen Wert. Das Christentum schuf eine neue Musik, als spirituelle Kunst schlechthin, denn sie begleitete eine Ansicht und enthüllte nicht nur Gemütszustände. Die auffälligsten Charaktereigenschaften der Zivilisation, die sich christlich nennt, bestehen in diesen Eroberungen. Aber das wesentliche Ziel des Christentums ist die Weihung zum göttlichen Leben, das die Bewegungen von der Erde nimmt, beziehungsweise eine Berufung zur Heiligkeit, die man als Nachstreben Christi versteht. Es ist ebenfalls wahr, dass, wenn dieses für jeden Anhänger einer neuen Religion das Hauptziel ist, dann hat das Christentum seinen Höhepunkt der Wahrheit mit den Mystikern und Heiligen erreicht, von denen jeder ein Erscheinungsbild Christi auf unvorhersehbare und originelle Weise wiedergibt.


Das Christentum und seine Reformen

Sicher besitzt das Christentum in seiner geschichtlichen Verkörperung Lücken, Elend und Schatten, die je höher man sieht, umso offensichtlicher scheinen. Der größte Tribut, den man einem solchen Elend zahlte, war die Vermischung des Geistes Christi mit dem Geist der Welt, die Glaubensverwirrung mit irreführenden Überzeugungen (wie zur Zeit der Verurteilungen Galileos), der Degradation der geistigen Eingebung in irdischen Zielen und der Mystik der Politik. Daraus ergibt sich eine unaufhörliche Reform des Christentums dank des Werks seiner Hirten, seiner Doktoren und seiner Heiligen, zurück zur Eingebung seines Gründers. Dieser reformistische Antrieb zeigt sich heute in allen christlichen Konfessionen. Da die größte Wunde des Christentums die Trennung der Christen war und bleibt, welche die Botschaft Jesu auf unterschiedliche Weise interpretiert haben. Die Anlässe, welche diese Trennung verursachten, sind während der verschiedenen geschichtlichen Umstände unterschiedlich: Ablehnung des päpstlichen Supremats, als Michele Cerulario, Patriarch von Konstantinopel 1054 die Zusammenarbeit mit dem Papsttum unterbrach und die östlichen Kirchen, die so genannten orthodoxen Kirchen, von der römischen Kirche löste; Überprüfung der christlichen, von Rom gelehrten Lehre, durch die protestantische Reform des 16. Jahrhunderts, Initiatorin eines Christentums außerhalb des römischen Katholizismus.


Die Orthodoxie in den slawischen Ländern

Noch im 20. Jahrhundert ist die Orthodoxie in den slawischen Ländern die dominierende Religion, während sich das reformierte Christentum in verschiedenen Formen in den angelsächsischen Ländern Europas und Nordamerikas, im Norden Deutschlands und in den skandinavischen Ländern durchsetzte. Heutzutage zeichnet sich jedoch eine Bewegung der Wiedervereinigung der getrennten Religionen ab. Der Katholizismus, auch wenn er von sich behauptet, das einzige authentische Christentum darzustellen, das dem Gedanken Jesu entspricht und in dem sich alle Kirchen am Ende wiedertreffen und zusammenschließen müssen, hat dieser neuen Orientierung anlässlich des Zweiten Vatikanischen Konzils einen neuen offiziellen Charakter verliehen. Außerhalb des Katholizismus, nimmt die Ökumene alle Kirchen in sich auf, die im Glauben an Christus, Sohn Gottes, dem Retter, vereint sind.







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